Kenneth Wapnik

Das Kamel, der Löwe und das Kind

Stadien unserer spirituellen Reise

Kenneth Wapnik
ist weltweit der beste Kenner von Ein Kurs in Wundern. Mit diesem Buch setzt er neue Akzente für unsere Praxis im Umgang mit dem Kurs. Über die ausdrucksstarken Bilder der Parabel “Von den drei Verwandlungen“ des Philosophen Nietzsche werden wir zu den wesentlichen Stadien unserer spirituellen Reise geführt. (Text auf Rückseite des Buches)

Im folgenden Auszüge aus diesem Buch.

Vorwort

„Den Rahmen für die Erörterungen in diesem Buch bildet Friedrich Nietzsches brillante Parabel „Von den drei Verwandlungen“.

Während in Ein Kurs in Wundern das nicht-dualistische Wesen der Wirklichkeit betont wird, die unendlich und ewig ist und jenseits unserer Erfahrungskategorien von Zeit und Raum liegt, werden wir gleichzeitig gelehrt, dass unsere spirituelle Reise ein Prozess ist, der sich in der Zeit vollzieht. Wir gehen nicht unmittelbar von der Illusion zur Wahrheit, sondern müssen „kleine Schritte“ machen, die uns zu unserem Ziel führen. Diese Schritte bilden die Stadien unseres spirituellen Weges, und der Abschnitt „Von den drei Verwandlungen“ aus Nietzsches Also sprach Zarathustra bietet ein höchst hilfreiches Mittel, die Reise begrifflich zu umreißen.“

Einleitung

„Gegenstand dieses Buches sind die Stadien unseres spirituellen Weges. Den Rahmen bildet ein Ausschnitt aus dem Werk von Friedrich Nietzsche, genauer gesagt die Parabel „Von den drei Verwandlungen“ aus seinem Meisterwerk Also sprach Zarathustra.

Dafür gibt es zwei Gründe. Der erste ist persönlicher Natur. Ich habe von jeher Nietzsches brillante Einsichten und seinen literarischen Stil geschätzt…- Der zweite und wichtigere Grund ist, dass seine wunderbare Parabel eine prägnante Zusammenfassung der Stadien der spirituellen Reise ist, die, wie wir im Folgenden sehen werden, eine Parallele zu dem bildet, was Ein Kurs in Wundern lehrt……“

„Wer mit den Kursprinzipien vertraut ist und Nietzsche liest, wird erstaunt sein, welche Perlen der Weisheit man bei diesem Genie aus dem 19. Jahrhundert entdecken kann….. Freud sagte von Nietzsche, er habe eine größere Selbsterkenntnis gehabt als je ein Mensch vor oder nach ihm – eine bemerkenswerte Aussage vom Vater der Psychoanalyse……“

Mehr über Friedrich Nietzsche

Die spirituellen Stadien

„Zarathustra geht im Alter von dreißig Jahren ins Gebirge und lebt zehn Jahre in der Einsamkeit. Dort erlangt er viele seiner Einsichten…..

Nach seiner Rückkehr in die Welt beginnt Zarathustra den Übermenschen zu lehren, Nietzsches Bezeichnung für einen Erleuchteten… Den „ Übermenschen“ verstand Nietzsche in dem Sinne, dass dieser über den Dingen steht und nicht mehr an die Sitten und Werte dieser Welt gebunden ist. Seine Schwester interpretierte diesen höchst wichtigen Begriff im Sinne von Macht, was der Nazidoktrin von Herrenmenschen und Herrenrasse entgegenkam.

Zarathustra verkündet später seine Lehre von den drei Verwandlungen. Das bildet den Hintergrund für das übrige Buch…. Nietzsche bezieht sich immer wieder auf diese drei Stadien des spirituellen Lebens.

Ich werde sie kurz beschreiben und anschließend Satz für Satz kommentieren…

Die drei Stadien sind das Kamel, der Löwe und das Kind.

Das Kamel, der Anfang des Lebens, zeichnet nach, was es heißt, in der Welt heranzuwachsen. Nietzsche macht deutlich, dass man kein Löwe, geschweige ein Kind werden kann, ohne zuerst ein Kamel zu sein. Das heißt, dass man lernen muss, in der Welt zurechtzukommen.

Das nächste Stadium ist der Löwe. Dieser merkt, dass alles, was die Welt lehrt, falsch ist. Das Stadium des Löwen – das in etwa Nietzsches Stadium entspricht – besteht darin, die Falschheit der Welt zu sehen und es sie wissen zu lassen, also Nein zur Welt zu sagen. Dann macht Zarathustra deutlich, dass das nicht das Ende des Weges ist, denn es bedarf noch des letzten schöpferischen Ja’s.

Dafür ist das Kind notwendig. Für Nietzsche symbolisiert das Kind die Unschuld und den Neubeginn.

Das erste Stadium: das Kamel

„Im Folgenden spricht Nietzsche über den gespaltenen Geist und dessen Weg.

Drei Verwandlungen nenne ich euch des Geistes: wie der Geist zum Kamele wird, und zum Löwen das Kamel, und zum Kind zuletzt der Löwe.

Nietzsche will sagen, dass uns auf dem Weg manche Schwierigkeit erwartet. Wie aus dem Studium des „Kurses in Wundern“ werden wir aufgefordert, das Ego loszulassen. Das ist das Schwere und Schwerste, weil wir uns so sehr dagegen wehren, ohne unsere Besonderheit zu sein. – Hier folgt nun das erste Stadium:

Was ist schwer? So fragt der tragsame Geist, so kniet er nieder, dem Kamele gleich, und will gut beladen sein. Was ist das Schwerste, Ihr Helden? so fragt der tragsame Geist, dass ich es auf mich nehme und meiner Stärke froh werde. Ist es nicht das Erniedrigen, um seinem Hochmut wehe zu tun? Seine Torheit leuchten zu lassen, um seiner Weisheit zu spotten?

„Was Zarathustras Worte eindeutig beinhalten, ist dies: Wenn wir nicht lernen, innerhalb des Egodenkens zurechtzukommen, wenn wir uns mit unserem Ego, dem Körper oder der Welt nicht wohlfühlen, werden wir nie über sie hinausgelangen.“

Oder ist es das: von unserer Sache scheiden, wenn sie ihren Sieg feiern? Auf hohe Berge steigen, um den Versucher zu versuchen?

„Zur Demut gehört, dass wir unseren Erfolgen keine Denkmäler bauen. Nietzsche weist darauf hin, dass wir nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen sollen….. Wir sollten nicht die Illusion hegen, „angekommen“ zu sein, wenn wir es nicht sind. Das hindert uns nicht daran, auf hohe Berge zu steigen, nach Erfolg zu streben, Ziele zu verfolgen und sie zu erreichen. Vielmehr geht es um die prägenden Jahre, die wir alle durchlaufen und in denen wir lernen, in der Welt zu leben und Ziele anzustreben…..“

Oder ist es das: in schmutziges Wasser zu steigen, wenn es das Wasser der Wahrheit ist, und kalte Frösche und heiße Kröten nicht von uns zu weisen?

„Das spirituelle Leben ist harte Arbeit. Wir müssen in die trüben Tiefen unserer Psyche, die Abgründe des Egos tauchen, in schmutziges Wasser steigen, wenn es das Wasser der Wahrheit ist, und kalte Frösche und heiße Kröten nicht von uns weisen.

Es ist bezeichnend, dass viele Menschen, die einen spirituellen Weg gehen, sich nicht die Hände mit dem Ego schmutzig machen wollen. Solche Menschen nennen wir gewöhnlich „Schönfärber“.

Oder ist es das: die lieben, die uns verachten, und dem Gespenste die Hand reichen, wenn es uns fürchten machen will?

„In Also sprach Zarathustra wimmelt es von biblischen Texten. In der Bergpredigt sagt Jesus, wir sollen diejenigen lieben, die uns verachten.

Nietzsche sagt, wir sollen nicht nur die lieben, die uns verachten, sondern auch dem Gespenst eine Hand reichen, das uns verängstigen will. Mit anderen Worten: Wir sollen alles willkommen heißen, was hier geschieht. Das ist ein wesentlicher Teil seiner Philosophie……“

Das ist die Aufgabe des Kamels. Es eignet sich das Werkzeug an, um in der materiellen Welt der psycho-physischen Körper überleben zu können. Es lernt, mit anderen Menschen zurechtzukommen und mit den Grundbedingungen des Lebens umzugehen – Nahrung, Wohnung, Sexualität, Emotionen, Ausbildung und der Erwerb von Fähigkeiten und Fertigkeiten, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen und hier zu überleben…..

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass das Stadium des Kamels die Phase ist, in der wir unser Rüstzeug erwerben. Wir eignen uns Wissen über unseren Körper und die Welt an, wir lernen, was unser Lehrplan oder Drehbuch für uns bereithält.

Das zweite Stadium: der Löwe

„Am Ende seiner Ausführungen über Demut charakterisiert Nietzsche das erste Stadium – das Lernen mit der Welt umzugehen – als Last.“

Alles dies Schwerste nimmt der tragsame Geist auf sich: dem Kamele gleich, das beladen in die Wüste eilt, also eilt er in seine Wüste.

„Damit bricht das zweite Stadium an, in dem das Kamel, das die Last trägt, in die Wüste eilt, Symbol für die Dürre der Welt, und sich in den Löwen verwandelt. Wenn wir den ersten Lernabschnitt bewältigt haben, wird uns allmählich bewusst, dass die Welt selbst eine Wüste ist, der es an wahrem Leben mangelt.“

Aber in der einsamsten Wüste geschieht die zweite Verwandlung: Zum Löwen wird hier der Geist, Freiheit will er sich erbeuten und Herr in seiner eigenen Wüste sein. Seinen letzten Herrn sucht er sich hier: Feind will er ihm werden und seinem letzten Gotte, um Sieg will er mit dem großen Drachen ringen.

Der Drache steht für die Gesellschaft und die Welt. Wie Nietzsche im Anschluss erläutert, ist der Körper des Drachen mit Schuppen besetzt und auf jeder Schuppe prangt ein Du sollst. Auf einigen Schuppen könnte allerdings auch stehen Du sollst nicht. Insofern repräsentieren die Schuppen des großen Drachen all das, was wir nach Auffassung der Gesellschaft und der Religionen tun oder lassen sollten……

Solange wir noch aufwachsen, merken wir nicht, dass wir in Wirklichkeit in einer Wüste leben und die Lasten des Kamels schultern. Erst wenn wir aufrichtig sagen können, dass es einen anderen Weg geben muss – etwas jenseits des Drachen, jenseits der Forderung, ein braver Junge oder ein braves Mädchen zu sein -, entwickeln sich unsere spirituellen Bedürfnisse allmählich und werden stärker…..

Das ist jetzt das Stadium, in dem sich das Kamel in einen Löwen verwandelt, der jetzt seine Freiheit erobern und Herr über sein eigenes Schicksal sein will…..

Wir haben alles gelernt, was die Welt uns lehren kann, und merken, dass es nicht das ist, was wir wollen. Wir wünschen uns aufrichtig, nicht mehr Sklave der Herren der Welt, sondern frei und unser eigener Herr zu sein. Wir haben inzwischen begriffen, dass wir dem, was die Welt uns sagt, nicht mehr trauen oder glauben können, denn sie lügt, weil sie die Wirkung der Ego-Lüge ist.“

Welches ist der große Drache, den der Geist nicht mehr Herr oder Gott heißen mag? „Du sollst“ heißt der große Drache. Aber der Geist des Löwen sagt : Ich will.“

In diesen Sätzen drückt sich Nietzsches Idee des Willens zur Macht aus. Ich lasse mich nicht von der Welt binden. Ich werde mich nicht mehr nach dem richten, was in der Welt als Wahrheit und Erkenntnis ausgegeben wird. Ich werde dem, was ich höre, keinen Glauben schenken, weder den Nachrichtenmedien noch dem, was andere mir sagen – es sei denn, sie haben Erkenntnis. Mit der Zeit sind wir imstande, diejenigen auszumachen, die Erkenntnis haben, und diese sind es, auf die wir hören werden.

Aber der Geist des Löwen sagt: „Ich will.“ „Du sollst“ liegt ihm am Wege, goldfunkelnd….

Es sei an die Metaphern vom Bild und vom Rahmen erinnert, die Im Kurs in Wundern gebraucht werden. Das Bild des Ego ist der Tod, sein freundliches Angebot an uns, das er in einen prächtig verzierten Rahmen steckt, der von Diamanten und Rubinen glitzert und das Bild verbirgt. Der verzierte Rahmen entspricht den Schuppen des Drachen, und er funkelt wie ein Schatz, in Wirklichkeit ist er jedoch

.ein Schuppentier, und auf jeder Schuppe glänzt golden: „Du sollst“

Das ist die Verlockung des Ego, die Verlockung der Besonderheit, mit der die Welt uns fängt. Es ist eine schwierige Phase, weil wir nun sagen müssen, dass alles, was wir gelernt haben und geworden ist, unwahr ist…..

Wir können nicht vom Stadium des Kamels in das Stadium des Kindes wechseln, ohne uns vorher mit dem Löwen zu identifizieren. Wie schon erwähnt, sagt der Löwe „nicht Nein“. Er schaut die „Du sollst“ an, die in Wirklichkeit die Negation der Liebe und Wahrheit sind, und erklärt: „Ich will das nicht mehr“. Auf diese Weise wird der Drache getötet, ein übrigens wichtiges mythologisches Symbol. Der Drache symbolisiert das Ego, und die Herausforderung besteht darin, ihn nicht zu töten, denn wenn wir gegen irgendein „Du sollst“ ankämpfen, haben wir es wahr gemacht, und es wird doppelt und dreifach zurückkehren. Wenn wir das Ego einfach als Illusion erkennen, die es ist, wird es in das Nichts hineinentschwinden, aus dem es kam….

Den Drachen der Besonderheit zu töten, heißt, das Ego-Denksystem anzuschauen und sanft zu erklären: „Das ist nicht mehr die Welt, der ich Wert beimesse und daher kann ich eine bessere Welt wählen.“

Tausendjährige Werte glänzen an diesen Schuppen und also spricht der mächtigste aller Drachen: „Aller Wert der Dinge – der glänzt an mir. Aller Wert ward schon geschaffen, und aller geschaffene Wert – das bin ich -. Wahrlich es soll keine „Ich will“ mehr geben! Also spricht der Drache.

Das „Ich will“ des Löwen stellt die größte Bedrohung für den Drachen dar, dem zufolge es kein „Ich will“ mehr gibt. Das ist kein Platz für ein Individuum, das seinen Willen zur Macht behauptet (was nicht verwechselt werden darf mit dem Selbstbehauptungswillens des Ego). In der Welt (dem Reich des Drachen) sind keine Menschen vorgesehen, die den Zugang zu ihrem Geist und dessen Entscheidungsmacht wiederfinden, um wählen zu können, wer sie wirklich sind. Die spirituelle Macht muss zerstört werden……

Was die Welt wertschätzt, ist im Kern immer dasselbe, auch wenn die jeweiligen Dinge, die uns lieb und teuer sind, von Kultur zu Kultur und von Epoche zu Epoche variieren. Einige Dinge streben wir an, weil sie uns Vergnügen bringen, andere meiden wir, weil sie uns Schmerz bereiten. Doch alle Dinge – die angenehmen wie die schmerzhaften – verleihen dem Körper Wirklichkeit. Das Ego liebt den Gedanken, die Welt zu verbessern oder zu verändern. Das ist eine der besonders verführerischen Schuppen des Drachen, die Welt zu verbessern oder zu verändern. Die geistlose Welt verleugnet die Macht des Geistes – den Willen, der Übermensch zu werden, der die Welt transzendiert. Vielmehr begreifen wir, dass der Körper nicht das ist, was wir sind.

Neue Werte schaffen – das vermag auch der Löwe nicht – ….

Neue Werte schaffen ist das rechtgesinnte Ja. Der Löwe sagt nur Nein, das Nein zum Nein der Welt, das uns die Voraussetzung für das heilige Ja gibt. Deshalb genügt es nicht, ein Löwe zu sein. Wenn wir nur ein Löwe bleiben, können wir nicht zum Kind werden und den neuen Wert begrüßen, der unser spirituelles Selbst ist.

Nietzsche meint nicht nur ein Auflehnen gegen die Dummheiten der Welt, die er unzweifelhaft dumm fand, sondern einen inneren Prozess…. Sein Schwerpunkt lag darauf, dass wir werden, wer wir wirklich sind, nämlich spirituelle Wesen.“

Neue Werte schaffen – das vermag auch der Löwe nicht. Aber Freiheit zu schaffen zu neuem Schaffen – das vermag die Macht des Löwen.

Der Löwe wird zum Kind

Aber sagt, meine Brüder, was vermag noch das Kind, das auch der Löwe nicht vermochte? Was muss der Löwe auch noch zum Kind werden?

Unschuld ist das Kind und Vergessen, ein Neubeginn, ein Spiel, ein aus sich rollendes Rad, eine erste Bewegung des heiligen Ja-sagen. Ja, zum Spiel des Schaffens, meine Brüder, bedarf es eines heiligen Ja-Sagens. Seinen Willen will nun der Geist, seine Welt gewinnt sich der Weltverlorene.

Nietzsche spricht von der Vorbereitung zur wirklichen Welt, dem Geisteszustand, in dem die Entscheidung gegen das Ego und für den HEILIGEN GEIST (die Stimme unseres SELBST) unwiderruflich stattgefunden hat.

Es gibt nichts zu tun, damit dieses Stadium beginnt. Die Arbeit findet im Übergangsstadium zwischen Löwe und Kind statt, das bei Nietzsche kaum beachtet wird.

Das „heilige Ja“

„Bis hierher waren wir Kamele und Löwen. Das Kamel sagt Ja zur Welt, ohne zu erkennen, dass dieses Ja in Wirklichkeit eine Negation ist, ein Nein zur Wahrheit. Die Welt ist dieses Ja und wir alle bejahen die Verneinung der Wahrheit. Der Löwe zeigt sich, wenn wir plötzlich erkennen, dass das Kamel – das Ego – uns in eine Wüste geschickt hat, in der wir nicht länger bleiben wollen. Wir sagen daher Nein zu dem Ja, das die Welt zur Verneinung der Wahrheit sagt. Auf diese Weise löscht der Löwe die Negation aus. Er leugnet die Verleugnung der Wahrheit. Wir sagen „Nein zum Nein“, das heißt, wir sagen Ja zur Wahrheit. Wenn die vom Ego stammende Negation aufgehoben ist, bleibt das „heilige Ja“. Wie Nietzsches „heiliges Ja“ im Kurs verstanden wird, ist es die Bejahung des Lebens selbst, aber nicht das Leben in der Welt. Das eigentliche „heilige Ja“ sagen wir zur Wirklichkeit Gottes und seiner Liebe.“

Anmerkung: Wer ein Problem mit dieser christlichen Terminologie des Kurses hat, kann stattdessen sagen, das „heilige Ja“ sagen wir zu unserem Wahren – (Göttlichen) SELBST.

„Wir forcieren dieses Ja nicht. Es geschieht von selbst, in dem Maße, in dem wir begreifen, dass der Löwe nicht der letzte Schritt ist. Das Problem ist, dass es sich gut anfühlt, ein Löwe zu sein. Wir vergessen dann rasch unser spirituelles Ziel und den Umstand, dass der Löwe nur eine Durchgangsstation ist.“

„Es gibt einen Teil von uns, der all das versteht, und dennoch gefällt es uns nicht. Es lässt sich auf die Frage reduzieren, was wir wertschätzen. Hier ist Nietzsches System wertvoll, denn es lenkt unsere Aufmerksamkeit auf unsere Werte. Wir messen unserem Selbst (Ego) Wert bei, obwohl uns auf einer bestimmten Ebene bewusst ist, dass diese verdrehte Selbstachtung uns daran hindert, in das nicht-dualistische Zuhause zurückzukehren, wo sich unser Selbst mit unserem SELBST vereint und das getrennte Ich verschwindet.“

Das Kind in uns

Da Nietzsche nicht sehr viel zum Kind sagt, es mit Unschuld und mit diesem „heiligen Ja“ verbindet, das man zu seinem SELBST sagen muss, beschreibt der Autor das Kind, wie es im „Kurs in Wundern“ verstanden wird.

Doch ist ein Kind in Dir, das SEINES VATERS HAUS sucht und erkennt, dass es hier fremd ist. (aus dem Übungsbuch zum Kurs)

„In dem Wissen, dass wir hier Fremde sind, begreift der Löwe, dass die Welt keine wirkliche Bedeutung hat. Diese Welt ist eine Wüste, „wohin hungernde und dürstende Kreaturen kommen, um zu sterben.“ (Zitat aus dem Übungsbuch.) Das ist kein Ort, an dem wir uns häuslich niederlassen sollten. Dieses Wissen öffnet unseren Geist, damit er sein wahres Zuhause willkommen heißt, den HIMMEL, in dem wir auf immer und ewig leben.“

Mein Fazit

Mit „spiritueller Reise“ ist der Lauf unseres Lebens gemeint, in dem wir uns als Mensch entwickeln. Der Benediktiner und Zen-Meister Willigis Jäger hat auf die Frage einer Journalistin, was für ihn der Sinn des Lebens sei, geantwortet, sich zu einem „ganzen Menschen“ zu entwickeln. Dies ist auch das Thema von Friedrich Nietzsche in seiner Philosophie, was er besonders deutlich in seinem Buch „Also sprach Zarathustra“ vermittelt. Nietzsche hat den Begriff „Übermensch“ für diesen „ganzen Menschen“ gewählt… Zarathustra hat nach seiner Rückkehr aus den Bergen versucht, die Charakteristiken dieses Übermenschen zu lehren. Dazu hat er die drei Verwandlungen als die Grundlage des Weges dorthin gewählt, als die drei Stadien des spirituellen Weges.

Diese drei Dimensionen lassen sich auch mit dem psycho-spirituellen Modell der Psychosynthese beschreiben. In der ersten Phase des Lebens, der Kategorie des Kamels, formt unsere Umwelt das, was wir glauben zu sein und welche Regeln wir zu befolgen haben, was wir tun sollten und nicht sollten. Wir passen uns an, um in dieser Welt leben zu können und identifizieren uns mit zahlreichen Rollen, die wir – zum Teil unbewusst – spielen. Dann kann sich so etwas wie eine Krise einstellen, auch als Midlife-Krise bezeichnet, die uns zu einer Reflektion unseres Lebens veranlassen kann. Es können aber auch andere Krisen im Leben sein, die zu dieser Reflektion führen.

Diese Reflektion kann zu einem ersten Erwachen führen, ein Erwachen zu unserem ICH oder Personalen Selbst, wie es in der Psychosynthese genannt wird und als Zentrum von Gewahrsein und Wille (Wahlmöglichkeit) definiert wird. Das ist die Verwandlung zum Löwen. Man wird sich der Macht des Willens bewusst, d.h. dass man wählen und sich bewusst entscheiden kann. Der Löwe, erkennt das, mit was er sich bisher identifiziert hat, als ein von der Umwelt geschaffenes Bild von sich selbst, das falsche Selbst.

Als Löwe leben wir bewusst und übernehmen die Verantwortung für das Glück und Wohl in unserem Leben selbst. Wir sind aus der Fremdbestimmung zur Selbstbestimmung erwacht, was bedeutet, wir haben den Status eines reifen Erwachsenen erreicht. Und jetzt kann der wirkliche Prozess unserer spirituellen Entwicklung beginnen. Denn wir erkennen auch, dass wir nicht der Körper sind, sondern ihn haben. Wir sind, wie das Wort „Spiritualität“ sagt, Geist, der in diesem Körper wohnt. Wie auch Nietzsche es formuliert, ist es der Geist, der diese Verwandlungen durchlebt.

Daher ist dies noch nicht das Ende unserer spirituellen Reise auf dieser Erde. Der Löwe weiß zwar, was er nicht ist, ein vom Drachen beherrschtes Wesen. Die nächste Etappe ist das, was den ganzen Menschen vollendet, der weiß, wer er in seiner wahren Natur ist.

Nietzsche hat hierfür den Begriff Kind gewählt. Er betrachtet das Kind als Symbol „der Unschuld, des Vergessens, des Neubeginns“, in dem das von der Außenwelt geprägte und damit verzerrte Bild von dem, was wir glauben zu sein (Zustand des Kamels) nicht vorhanden ist. In der Zen-Terminologie wird diese Kategorie auch als ein ungehobelter Klotz bezeichnet, zu dem wir zurückkehren müssen.

In dieser dritten Verwandlung ist der Geist wieder zu seiner ursprünglichen, schon immer vorhandenen wahren Natur zurückgekehrt. Zarathustra spricht von einem „heiligen Ja“, das Zarathustra zu seinem Wahren Selbst sagt.

In der Terminologie der Psychosynthese haben wir im Personalen Selbst, im ICH, (dem Löwen) als Quelle unseres Seins unser Transpersonales Selbst erfahren, für das Nietzsche das Symbol des Kindes gewählt hat.

Wer auch diese Dimension des Geistes erreicht hat und lebt, den nennt Nietzsche einen Übermenschen.

Jeder, der dies liest, kann überprüfen, wo er sich auf seiner spirituellen Reise befindet. Bin ich noch mit meinem Körper identifiziert, lebe ich noch die von der Außenwelt mir vorgegebenen und einprogrammierten Werte und Glaubenssysteme? Werden meine Gedanken und mein Handeln überwiegend von meinen Konditionierungen, dem Autopiloten in meinem Gehirn bestimmt? Ist mein Glück und meine Zufriedenheit noch abhängig vom Wohlwollen anderer Menschen und tue ich überwiegend das, was von mir erwartet wird? Wer das bejahen muss, der befindet sich noch ganz in der Kategorie Kamel, der ersten Phase unserer Reise durch das Leben.

Oder habe ich mich von der Fremdbestimmung befreit und bin zu einem ICH, das die Verantwortung für sein Leben selbst übernimmt, also zur Selbstbestimmung, erwacht?. In diesem Bewusstsein der Selbstbestimmung gibt es kein „ich sollte“ oder „sollte nicht“ mehr. Ich bestimme selbst, das zu tun, was ich wirklich will, indem ich mir meiner Wahlmöglichkeit überwiegend immer bewusst bin. Dann lebe ich im Bewusstseinszustand des Löwen.

Der Löwe besiegt den Drachen, indem er sagt „ich will das nicht mehr“. Mit der Vernichtung des Drachens mit seinen Schuppen des Sollens und Nicht-Sollens vernichten wir auch das Ego, das vom Drachen symbolisiert wird. Das bedeutet, der Wille des Löwen ist nicht vom Ego geprägt, sondern er schließt die Bedürfnisse der Natur und anderer Menschen ein. In der Psychosynthese ist es neben dem starken und klugen (skillful) Willen die Dimension des guten Willens, der aus der Verbundenheit mit Allem und nicht aus der Illusion eines Getrenntsein handelt, die im Ego-Bewusstsein verankert ist.

Die Entwicklung zur ursprünglichen Natur des Kindes, die unsere wahre Natur ist, kann man als ein Erwachen zu unserem Wahren Selbst bezeichnen. Es ist ein Prozess der Befreiung von den vielen Konditionierungen, die uns im Laufe unseres Lebens einprogrammiert worden sind. Dieses Erwachen geschieht sehr häufig. Die größte Herausforderung in unserem Leben ist jedoch, wach zu bleiben. Das bedeutet, achtsam zu leben und zu erkennen, wenn unser Bewusstsein wieder vom „Kamel“ dominiert wird. Dann hilft uns der Löwe, sich bewusst zu sein, dass man die Wahl hat, im Kamel zu bleiben oder sich für ein Sein aus unserem Wahres Selbst zu entscheiden. Das ist ein Prozess, der wohl bis zum Ende unseres Lebens andauert. Aber wir werden für diese Mühe belohnt. Statt in einem Gefängnis der Abhängigkeit und Unfreiheit zu leben, leben wir mit mehr Freude und innerer Zufriedenheit, die wir auch in unsere Umwelt ausstrahlen. Wir sind zu unserem wirklichen Zuhause zurückgekehrt.

Weitere Informationen zum Thema

Vorgestellte Bücher aus „Ein Kurs in Wundern“

Text zum Begriff „Psychosynthese“

Psychosynthese, die Psychologie des neuen Bewusstseins

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