Existieren oder Leben?
Das ist die Frage!


“Wirklich zu leben ist sehr selten.
Die meisten Menschen existieren,
das ist alles“

Oscar Wilde

Eine Behauptung, die nachdenklich machen muss, weil sie zwangsläufig auch die Frage aufwirft, welcher Gruppe von Menschen man sich selbst zuordnet, zu der Masse von Menschen, die „nur“ existieren oder vielleicht doch zu denen, die wirklich leben.
Um das herauszufinden, werde ich versuchen, den Unterschied zwischen existieren oder „wirklich leben“ zu erklären.

Existieren

Das, was man mit seinen Sinnesorganen als Objekte wahrnimmt, ist das, was existiert. Es ist einfach da, man sieht es, hört es, fühlt es, usw.

Es ist grundsätzlich etwas Endliches. Es unterliegt der Zeit, das heißt, es ist eine Form, die einen Anfang hatte und irgendwann wieder ein Ende haben wird. Dann hört sie auf zu existieren.

Leben ist ein Geheimnis

Was Leben bedeutet, ist nicht wirklich erklärbar. Es ist dem Verstand nicht zugänglich. Keine Wissenschaft kann Leben erklären. Der Benediktiner David Steindl Rast bezeichnet Leben daher als ein Geheimnis und dass wir uns diesem Geheimnis nur nähern können, wenn wir versuchen, das Leben der Natur zu verstehen.

Eine andere Möglichkeit, Leben zu verstehen, sieht er dann, wenn wir unseres Lebens wachbewusst werden.

„Unser eigenes Leben ist untrennbar in das gesamte Leben der Natur eingebettet. Persönliches und gesellschaftliches Leben kann nur dann gedeihen, wenn es sich einstimmt auf die Harmonie des Lebens in der Natur – die Alternative dazu ist Selbstzerstörung.

Steindl-Rast

Ego-Bewusstsein – Identifikation mit dem Körper

Im gegenwärtigem kollektiven Bewusstsein der Menschheit betrachtet man sich als ein von der Natur getrenntes Wesen, was zur „Selbstzerstörung“ führt. Man identifiziert sich mit seinem Körper, einer Form, die einen Anfang, die Geburt, und ein Ende hat, den Tod. Wer also meint, Körper zu sein, kann demnach nur existieren.

Zu jedem Objekt gehört ein Subjekt, das den Körper, die Form, wahrnimmt. Diese Frage nach dem Subjekt, das den Körper wahrnimmt, stellt man sich in unserem kollektiven Bewusstsein nicht. Der Körper ist sowohl Subjekt, das gleichzeitig diesen Körper auch als Objekt wahrnimmt. Selbst unser Verstand kann erkennen, dass hier etwas nicht stimmt. Man kann nicht Subjekt und Objekt zugleich sein.

Ein Vergleich mit dem Auge macht das sehr deutlich. Das Auge nimmt wahr und alles, was es wahrnimmt, sind Objekte, die in einer permanenten Veränderung kommen und gehen. Sich selbst kann das Auge jedoch nicht wahrnehmen, weil es Subjekt und kein Objekt ist.

Wenn das Auge sich als Auge sich wahrnehmen könnte, wäre es kein Subjekt sondern ebenfalls ein Objekt. – Vergleichbar mit dem Auge kann man die Essenz unseres Seins erklären. Es ist reine Wahrnehmung, ein Subjekt, das Objekte und somit auch den Körper als ein Objekt wahrnimmt. Diese reine Wahrnehmung ist permanent vorhanden und ändert sich nie.

Roberto Assagioli bezeichnet in seinem Model der Psychosynthese das, was wahrnimmt, daher als ICH oder auch Personales Selbst. Er definiert dieses ICH als ein Zentrum von Wahrnehmung. Das ICH ist das Subjekt, das wie das Auge, einfach nur wahrnimmt, ohne Bewertung und ohne jede Identifizierung mit den Objekten, die es wahrnimmt. Aus diesem Ich kann man nicht nur die Objekte der äußeren Welt, sondern auch der inneren Welt, wie Gedanken, Gefühle und körperliche Empfindungen, wahrnehmen, ohne sich damit zu identifizieren.

Dieses ICH, unser (Personales) SELBST, der permanente Zustand reiner Wahrnehmung ist die Essenz unseres Seins als Mensch auf dieser Erde. Bewusste Wahrnehmung findet von Augenblick zu Augenblick statt. „Alles, was sich ständig verändert, kannst du nicht sein, so der Weisheitslehrer Nisarghadata. Das Subjekt, das wahrnimmt, bezeichnet er als das ICH BIN, ohne dies und das, ohne Objekte.

Es ist pure Ignoranz des gegenwärtigen kollektiven Ego-Bewusstseins, nicht erkennen zu wollen, dass es nichts im Universum geben kann, das außerhalb der Natur ist. Was da als ein separates Ego existieren soll, ist ein Phantom, ein Konstrukt unserer Gedanken. Diese Ignoranz ist es, die zur Selbstzerstörung führt und die Ursache ist für die Zerstörung der Natur, der Umwelt und die Vernichtung von Leben durch Kriege, wie wir es erlebt haben und immer noch erleben.

Das Ego-Bewusstsein, Bewusstsein von Getrenntsein, existiert auf individueller und kollektiver Ebene, auf nationaler und ideologischer Ebene und auch bei den institutionellen Religionen. Das kommt auch in dieser zerstörerischen Aufforderung zum Ausdruck „Macht euch die Erde untertan!“

Leben ist Energie

Kann man Leben erklären? Leben ist Energie – und Energie geht nie verloren und wird nie erzeugt, wie es die Physik erkannt hat. Sie hat so keinen Anfang und kein Ende. Sie wird stets nur umgewandelt – von einer Form in eine andere. So ist auch die Energie des Lebens unendlich.

Michael Brück, Theologie-Professor und Zen-Lehrer erklärt die Lebensenergie wie folgt:

Sie ist ein Strom von Energie, wie Licht zum Beispiel, Klang wäre ein solcher Strom, der weitergeht und sich in neuen Körpern entfaltet….. Es ist so, wenn man eine Flamme an einer anderen entzündet. Die neue Flamme ist einerseits verschieden von der alten, andererseits aber auch die gleiche, denn sie hat den gleichen Energieimpuls. So kann man die etwas sehr komplexe Frage zusammenfassen.

Der Körper, in dem wir (als Energie) leben, ist endlich. Er ist an die Zeit gebunden, hat einen Anfang und ein Ende, Geburt und Tod. Unsere wahre Natur ist diese Lebensenergie, die während unseres Seins auf dieser Erde die Form der Körpers lebendig macht.

Dass wir unser Leben verlieren können, wie man es im Ego-Bewusstseins, in der Identifikation mit dem Körper meint, ist somit unmöglich. Die Lebensenergie, die wir sind, verlässt den Körper am Ende unseres Seins auf dieser Erde und verwandelt sich in eine andere Form, die man auch als Seele bezeichnet. Menschen mit Nah-Tod-Erfahrungen haben uns von diesem Zustand, in der Seele zu sein, berichtet. Viele Menschen haben auch über Kontakte mit solchen Seelen von verstorbenen Menschen berichtet.

Menschen, die wirklich leben, wissen, dass sie diese Lebensenergie sind Dieses innere „Wissen“ basiert bei vielen Menschen auf einer Erfahrung, die sie zum größten Teil nur für einige Augenblicke gemacht haben. Sie werden als mystische und transpersonale Erfahrungen bezeichnet. In allen Religionen sind es die Mystiker, die über diese Erfahrungen sehr detailliert berichtet haben. In unserer Zeit machen aber immer mehr Menschen diese Erfahrungen. Viele werden nach diesen Erfahrungen zu spirituellen Lehrern. Der bekannteste unter ihnen ist Eckhart Tolle. Von Tag zu Tag wächst die Anzahl dieser „erwachten“ Menschen und erwachten spirituellen Lehrer, die Bücher veröffentlichen oder u.a. auf Youtube zu sehen und zu hören sind.

Diese Identifikation mit dem Körper und das damit verbundene Ego-Bewusstsein zu überwinden, bedeutet in seinem Kern, dass der Tod keine Bedrohung mehr ist und damit auch die Angst vor dem Tod keine Grundlage mehr hat. Jeder kann sich vorstellen, welche Auswirkungen dies für sein Leben hätte, wenn er ohne diese Angst leben würde. So ist die Weisheit von spirituellen Lehrern einleuchtend, wenn sie sagen, wenn man diese Angst vor dem Tod überwunden hat, fängt man erst wirklich an zu leben. Man hört auf, „nur“ zu existieren.

Wirklich zu leben bedeutet lebendig zu sein.

Menschen, die „nur“ existieren, sind nicht wirklich lebendig. Der Benediktiner Steindl Rast drückt das sehr deutlich mit diesem Zitat aus:

Dass du noch nicht gestorben bist, reicht nicht aus als Beweis, dass du wirklich lebst.
Lebendigkeit bemisst sich am Grad deines Wachseins.

Steindl Rast verbindet Lebendigkeit mit Wachheit. Sie ist identisch mit bewusster Wahrnehmung, mit Bewusstheit.

Die meisten Menschen sind ganz selten in diesem Zustand einer bewussten Wahrnehmung. Sie befinden sich meistens mit ihren Gedanken in der Vergangenheit, die nicht mehr existiert, oder in der Zukunft, die es noch nicht gibt. Sie sind abwesend. Sie werden von einem Autopiloten im Gehirn gesteuert, der mit zahlreichen Konditionierungen und Glaubensmustern programmiert ist. Nur wer wirklich wach und lebendig ist, lebt wirklich. Ansonsten funktioniert man nur wie ein Roboter. Traurigerweise leben die meisten Menschen in diesem Zustand, ohne zu erkennen, dass sie nicht wirklich lebendig sind und damit auch nicht wirklich leben.

Man kann man nun für sich selbst herausfinden, zu welchen Menschen man (überwiegend) gehört, zu denen, die „nur“ existieren oder solchen, die wirklich leben.

Folgende Fragen können dabei helfen:

  1. Mit was bin ich identifiziert? Mit dem sterblichen Körper oder mit der Lebensenergie, die unseren Körper lebendig macht?
  2. Bin ich überwiegend lebendig, lebe ich im Jetzt, dem gegenwärtigen Augenblick oder überwiegend in einem Bewusstseinsraum, der entweder bereits vergangen ist oder noch nicht existiert, Vergangenheit oder Zukunft?

Um die erste Frage beantworten zu können, kann man sich bewusst machen, welche Bedeutung der Tod, das Verlassen des Körpers, für einen hat. Bedeutet das, dass ich dann nicht mehr existiere? Oder lebe ich danach in einer anderen Form weiter?

Die zweite Frage wird für Menschen, die den Kontakt zu ihrer Stille, zu ihrem wahren Selbst gefunden haben, auch regelmäßig in der Meditation mit dieser Stille, ihrem Selbst in Kontakt kommen, überwiegend positiv beantwortet werden können. Sie leben überwiegend in der Gegenwart, in dieser Wachheit, mit dieser Lebendigkeit und schöpfen daraus Kraft, Vertrauen und Freude.

Für den, der vor dieser inneren Stille flieht, weil er sie nicht aushalten kann und sich immer ablenken muss, wird es schwieriger, den Anspruch von Wachheit als Zeichen von Lebendigkeit zu erfüllen. Das „nur“ Existieren ist dann überwiegend der Normalzustand.

Was will ich? – Existieren oder wirklich leben?

Das Wichtigste, das uns von allen Lebewesen in der Natur unterscheidet, ist die Tatsache, dass wir eine Wahl haben. Die Wahl ist aber nur in einem bewussten Zustand, also im ICH, möglich. Lebt man überwiegend im Unbewussten, hat man diese Wahl nicht, weil sie nur im Bewusstsein stattfinden kann. Man wird dann von dem Auto-Piloten im Gehirn mit seinen Konditionierungen und Glaubensmustern, gesteuert. Man wird gelebt.

Das ist am Ende die wirklich gute Nachricht:

Wir habe eine Wahl:
Entweder „nur“ zu existieren
oder
Das zu leben, was wir wirklich sind:
Lebensenergie, unsere wahre Natur, unser Selbst.

Wer sich für die zweite Möglichkeit der Wahl entscheidet, den kann dieser Artikel, den ich für die Zeitschrift „momentum“ geschrieben habe, dabei unterstützen, zum wirklichen Leben zu erwachen:

Zum Leben erwachen! (Link führt auf den Artikel in meiner Buchwebsite )

Views: 0